Praxisfern? Ein Blick auf die EDK-Vorgaben für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung
Livia Schwestermann und Daniela Müller zeigen im Blogbeitrag auf, wie der Praxisbezug in der Ausbildung von Primarlehrpersonen verbindlich verankert ist und welche Vorgaben die EDK dazu macht.Seit über 20 Jahren werden Primarlehrerinnen und -lehrer an Pädagogischen Hochschulen (PHs), ausgebildet. Die Tertiarisierung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung wird immer wieder als Ursache einer vermeintlichen Distanz zur schulischen Praxis angeführt. Wer jedoch genauer hinschaut, erkennt: Der Praxisbezug in der Ausbildung ist keine Frage der institutionellen Verortung der Ausbildung.
Praxisbezug ist kein Zufall
Die EDK legte 1995 mit den «Empfehlungen zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen» den Grundstein für den Aufbau der PHs. Von Beginn an war klar: Die Ausbildung sollte – analog zu den Fachhochschulen – berufsbezogen und praxisorientiert sein, sowohl in der Lehre als auch in der Forschung.
Mit der Schaffung der PHs konnte die theoretische Ausbildung entsprechend stärker auf die Anforderungen des Lehrberufs ausgerichtet werden. Zuvor wurden Primarlehrerinnen und Primarlehrer in vielen Kantonen an Lehrerinnen-/Lehrerseminarien der Sekundarstufe II ausgebildet. Diese hatten eine Doppelfunktion: Sie führten sowohl zum Lehrdiplom als auch zur Hochschulreife. Die heutigen PHs können sich dagegen vollständig auf die Qualifizierung für den Lehrberuf konzentrieren. Gerade angesichts der vielfältigen und stetig wachsenden Anforderungen an Lehrpersonen ist dies von zentraler Bedeutung.
KI-generiertes BildGleichzeitig wurde mit der Schaffung der PHs auch die berufspraktische Ausbildung gezielt weiterentwickelt. Erfahrene Lehrpersonen werden gezielt als Praxislehrpersonen weitergebildet und begleiten die Praktika. Ausbildungsgefässe an den PHs ermöglichen unter der Leitung von Dozierenden die systematische Reflexion der Praxiserfahrungen. Diese Entwicklung wurde auch im Bildungsbericht Schweiz 2014 festgehalten: «Eine häufig geäusserte Kritik an der Verlagerung der Lehrkräfteausbildung auf die Tertiärstufe war die befürchtete grössere Praxisferne und geringere Gewichtung der berufspraktischen Ausbildung in einem akademischen Studium. Tatsächlich hat die Bedeutung der Praxisausbildung aber eher zugenommen.»
Seit 1998 konkretisiert die EDK den Praxisbezug explizit in ihren Anerkennungsreglementen. Diese legen die Mindestanforderungen an die Ausbildung von Lehrpersonen fest und bilden die Grundlage für die gesamtschweizerische Anerkennung der Lehrdiplome. Für die Primarstufe gehören unter anderem folgende Anforderungen dazu:
Die Anforderungen bestehen nicht nur auf dem Papier: Die von der EDK eingesetzte Anerkennungskommission überprüft die Studiengänge der PHs alle sieben Jahre und stellt sicher, dass die Anerkennungsvorgaben eingehalten werden (mehr Informationen zur Überprüfung der Studiengänge: Link). Die Kommission setzt sich aus Vertretungen der Kantone, der Hochschulen sowie der Lehrerinnen- und Lehrerverbände zusammen.
Verbindung von Wissenschaft und Praxis als Daueraufgabe
Die Vorgaben sind also klar. Sie stellen zugleich einen hohen Anspruch: Praxis und Wissenschaft sollen nicht nur nebeneinanderstehen, sondern im Studium systematisch miteinander verbunden werden. Genau an dieser Schnittstelle arbeiten die PHs kontinuierlich weiter – sei es bei der Weiterentwicklung ihrer Studiengänge, in der Zusammenarbeit mit Schulen oder bei der Qualifizierung ihrer Dozierenden.
Heute bieten sämtliche PHs berufsbegleitende und/oder berufsintegrierte Studiengänge an. Sie ermöglichen damit den Einstieg in den Lehrberuf bereits während des Studiums und schaffen zusätzliche Möglichkeiten, Ausbildung und Unterrichtspraxis eng miteinander zu verbinden. Hinzu kommen Quereinstiegsprogramme, die erfahrenen Berufsleuten den Wechsel in den Lehrberuf erleichtern (siehe Blogbeitrag vom 16. August 2023).
KI-generiertes BildBei der Qualifizierung der Dozierenden ist das von Bund und swissuniversities geförderte Programm «Pilotprogramme zur Stärkung des doppelten Kompetenzprofils beim FH- und PH-Nachwuchs» besonders erwähnenswert. Das doppelte Kompetenzprofil beschreibt den Anspruch, wissenschaftliche Kompetenz mit Berufspraxis zu verbinden. In insgesamt 21 Projekten wurden unter anderem Praxisaufenthalte für Dozierende, Tandemmodelle mit Lehrpersonen sowie gemeinsame Entwicklungs- und Forschungsprojekte mit Schulen erprobt.
«Praxisfern?» Die Vorgaben der EDK und damit die Ausbildung an den PHs zeichnen ein anderes Bild. Entscheidend ist nicht «Wissenschaft oder Praxis?», sondern ihr Zusammenspiel in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung.
Weitere Informationen
Die OECD hat 2024 erstmals das allgemeine pädagogische Wissen von Lehrpersonen in acht Ländern erhoben. Die Studie zeigt unter anderem Zusammenhänge zwischen pädagogischem Wissen, Unterrichtsgestaltung und Schülerleistungen und liefert spannende Erkenntnisse für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung.


